Big Data und KI gegen Kopfschmerzen

Stefan Greiner hat sich der Computer-Mensch-Beziehung verschrieben und nutzt sein Wissen auf diesem Gebiet, um als Co-Founder der App M-sense, die Migräne- und Kopfschmerztherapie zu revolutionieren. Die Mission: Mehr als 50 % der Kopfschmerztage auf nicht-medikamentöse Weise reduzieren. Ein intelligentes Kopfschmerztagebuch und eine App sind Teil der Lösung. Welche Chancen der Gründer, Stefan Greiner, in der digitalen Medizin sieht, lesen Sie im Interview.

Was ist das Spannende an der Mensch-Maschine-Interaktion?

Technik ist inzwischen ein integraler Teil von uns Menschen – deshalb sollte eine Ingenieur heutzutage auch ein psychologisches und soziologisches Grundverständnis mitbringen. Technische Entwicklungen – und besonders direkte Schnittstellen zwischen Menschen und Maschinen – definieren schließlich unser Leben nicht unerheblich mit. Diese Verschmelzung zwischen Technik und Mensch interessiert mich im Kern und speziell natürlich auch, wie Technik unsere Gesundheit unterstützen kann.

Wie entstand die Idee, eine Migräne- und Kopfschmerz-App zu entwickeln?

Die Idee kam durch meine Mitbewohnerin zustande. Sie leidet an Migräne und hatte die Vermutung, ihre Attacken könnten etwas mit Wetterumschwüngen zu tun haben. Wir haben dann zusammen recherchiert und gesehen, dass es sehr vielen anderen Betroffenen genauso geht. Viele solcher Fragen wurden in Foren diskutiert – und es gab nichts, womit man diese Zusammenhänge als Betroffener einfach mal untersuchen konnte. So kam ich auf die Idee, dafür eine Software zu entwickeln, die die Zusammenhänge zwischen Umweltfaktoren und Lebensstil auf Migräne untersucht. Mit M-sense haben wir als Startup nun genau solch eine Software in Form einer Medizin-App entwickelt. Inzwischen sind wir soweit, dass wir die Betroffenen nicht nur dabei unterstützen, diese Zusammenhänge zu erkennen, sondern ihnen auch helfen, die richtigen Therapiemethoden zur Bekämpfung von Attacken zu finden und anzuwenden.

Wie sah der Weg bis zur fertigen Medizin-App aus?

Das Schönste in dem ganzen Entwicklungsprozess ist der enge Austausch mit den vielen Nutzerinnen unserer App – und damit natürlich auch die Dankbarkeit der Menschen. Das motiviert uns als Team immer besser zu werden, und gibt uns gleichzeitig auch die Sicherheit, sehr nah an den Bedürfnissen der Betroffenen zu sein. Wir kommunizieren täglich mit einer Vielzahl von unseren Nutzer*innen und bekommen wöchentlich im Schnitt mehr als 20 neue Vorschläge und Ideen, wie wir die App modifizieren können. Die Anregungen wägen wir dann vor wissenschaftlichem und klinischem Hintergrund ab und lassen sie häufig direkt in eine der nächsten Versionen von M-sense einfließen. Wir begreifen die über 150.000 Nutzer unserer App nicht nur als User, sondern als aktiven Teil unseres Teams.

„Mit Big Data gegen den Kopfschmerz“ – wie setzt ihr Big Data in der Migränetherapie ein?

Wir haben inzwischen über 70 Millionen Datenpunkte zu Migräne-Attacken, deren Symptomen und Einflussfaktoren gewonnen. Diese Daten können dazu beitragen, Wissen über die besten Therapieansätze für unterschiedliche Patientengruppen, bei denen ähnliche Symptome auftreten, zu entwickeln. Zusätzlich wollen wir diese Informationen auch mithilfe von künstlicher Intelligenz auswerten. Jetzt schon setzen wir unsere im Sinne der Betroffenen ein, um die besten Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und die Ärzte bestmöglich zu unterstützen. Datenschutz ist dabei natürlich ein sehr wichtiges Thema für uns – schließlich haben wir es mit Gesundheitsdaten zu tun.

Wie gewährleistet ihr die Sicherheit der Daten eurer Nutzer?

Wir halten uns nicht nur an die regulatorischen Vorgaben, sondern setzen darüber hinaus in allen Prozessen höchste Priorität in den verantwortungsvollen Umgang mit Nutzerdaten. So ist Datenschutz für uns nicht nur selbstverständlich, sondern eine ganz persönliche Herzensangelegenheit. Da wir uns bewusst sind, dass wir es bei Gesundheitsdaten mit besonders sensiblen Daten zu tun haben, sind wir in stetem Austausch mit anderen eHealth Startups darüber, wie man das Thema Datenschutz im Sinne der Nutzerinnen gestalten kann.

Zwei Bereiche spielen dabei für uns eine zentrale Rolle: Durch das sogenannte “privacy by default” haben wir interne Richtlinien, die festlegen dass die Voreinstellungen der App immer die höchste Form an Datenschutz gewähren. “Privacy by design” hingegen bedeutet, dass Datenschutz an jedem Schritt der Entwicklung ein der App von Anfang an mitgedacht wird, und so bestmöglich umgesetzt werden kann. Wir wollen beim Thema Datenschutz ein Vorreiter für Transparenz und Sicherheit sein.

Mit eurem Therapiemodul “M-sense Active” sollen auch Betroffene zu Migräne-Expertinnen werden. Dafür gibt es unter anderem einen Chatbot. Welche Vorteile bietet das?

Unser Chatbot geht sehr stark auf die einzelnen Nutzerinnen ein – mit anderen Worten: M-sense kommuniziert mit jedem M-sense Nutzer unterschiedlich. Wenn zum Beispiel dokumentiert wird, dass jemand besonders unregelmäßig schläft, klärt der Chatbot ihn über einen möglichen Zusammenhang zwischen Schlaf und Kopfschmerzen, bzw. Migräne auf. Die Eingaben der Nutzerinnen im Tagebuch werden also direkt ausgewertet und von der Analyse-Software der App automatisch miteinbezogen, um neue Therapieansätze vorzuschlagen oder Nutzerinnen Ratschläge zu geben. Dadurch können wir die Betroffenen ganz individuell unterstützen und die Lebensqualität effektiv verbessern. Diese Nutzerspezifität hilft uns außerdem dabei, einen sehr engen Austausch auf persönlicher Ebene mit unseren Nutzerinnen zu finden. Für uns stellt dieser Ansatz einen Anfang für die sogenannte “personalized medicine” dar.

Viele Menschen stehen der Nutzung von Big Data und digitalen Produkten im medizinischen Bereich skeptisch gegenüber. Warum ist es dennoch wichtig, sich für einen Wandel einzusetzen und die Digitalisierung hier voranzutreiben?

Das größte Potential digitaler Medizin sehe ich in der Möglichkeit, über digitale Produkte prinzipiell jedem Menschen auf der Erde Zugang zu klinisch validiertem Expertenwissen zu geben. Besonders wichtig ist das, um die Versorgungsstrukturen im Gesundheitssystem zu verbessern.

Für die Patientinnen bedeutet das mehr Self-Empowerment: Dank mehr valider Informationen und einer ständigen Begleitung, können sie ihren eigenen Genesungprozess aktiver mitgestalten. Ärztinnen wiederum ermöglichen die über einen längeren Zeitraum gesammelten Informationen oft eine schnellere und bessere Einschätzung des Gesundheitszustands der Betroffenen. In einer Studie zur Smartphone-gestützten Migränetherapie (SMARTGEM), die wir zusammen mit der Charité Berlin, den Kopfschmerzzentren Halle und Rostock und verschiedenen Krankenkassen durchführen, wollen wir dieses Konzept mit über 1000 Migräne-Betroffenen austesten. Langfristig kann die digitale Medizin auch zu großen Fortschritten im Bereich der “personalized medicine” führen, die dann die Erstellung einer individuellen Therapie ermöglicht.

Was sind die nächsten Schritte, die Sie mit M-sense gehen wollen?

Wir sehen uns als Digital Therapeutic – auf deutsch würde man “Digitales Therapeutikum” sagen, aber das klingt komischerweise sehr antiquiert. Unser Ziel ist es, durch die Nutzung der App 50 % der Kopfschmerztage zu reduzieren. In der klinischen Studie SMARTGEM, die wir ab jetzt durchführen, wollen wir die Wirksamkeit von M-sense überprüfen und gegebenenfalls noch verbessern.

Allgemein sehen wir uns als Plattform für alle von Migräne und Kopfschmerz betroffenen Menschen. Dabei wollen wir auch das Segment von Schwerstbetroffenen abdecken. Auch wenn wir in der App mit nicht-medikamentösen Therapien wie z.B. Entspannungsübungen arbeiten, gibt es bestimmte Patientengruppen, denen allein dadurch nicht ausreichend geholfen werden kann. Diese Betroffenen hoffen oft intensiv auf die neuesten Entwicklungen im Bereich der medikamentösen Therapien wie jetzt beispielsweise ganz aktuell auf monoklonale Antikörper zur Behandlung von Migräne.
Hier wollen wir vor allem zwischen mehreren Therapieansätzen vernetzen und ein digitaler Begleiter in Kombination mit herkömmlichen und auch neuen medikamentösen Therapieformen sein. Dazu ist es uns wichtig, mit allen potentiellen Partnern zu kooperieren, die einen wesentlichen Beitrag zur Genesung der Betroffenen leisten können. Mit diesem Ansatz möchten wir dazu beitragen, individuelle Therapieverläufe zu entwickeln und diese dann zu begleiten.