Handel mit Russland wird zum Tanz mit dem „russischen Bären“

Autorin: Mag. Barbara Sawka

Umfangreiche Wirtschaftssanktionen und Stärkung russischer Unternehmen machen den Handel mit Russland nicht leichter.
Umfangreiche Wirtschaftssanktionen und Stärkung russischer Unternehmen machen den Handel mit dem „russischen Bären“ nicht leichter.

Wenn sich Politik und Wirtschaft vermischen, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Wer sich un Russland behaupten will, muss nicht nur die die EU-Sanktionen beachten, sondern auch die russischen Bestrebungen nationale Erzeugnisse, wenn möglich, den Importen vorzuziehen.

Seit 2014 bestehen die Wirtschafts-Sanktionen gegen Russland wegen der Annektion der Krim. Neben Einreiseverboten, Vermögenssperren und einem Bereitstellungs- und Bezahlungsverbot wurde ein umfangreiches Handels-, Finanzierungs- und Investitionsverbot in Kraft gesetzt. Zusätzlich wurden sektorale Sanktionen für die Finanz- und Ölindustrie sowie den Hochtechnologie- und Milit.rgüterbereich eingeführt. Russland erließ im Gegenzug im August 2014 Gegensanktionen in Form von Importverboten im Lebensmittel- und Agrarbereich. Bei einem Besuch in der Ukraine Anfang November sprach sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine Verlängerung der Sanktionen aus. Grund dafür: die Nicht-Einhaltung des Minsker Abkommens 2015, das unter anderem einen Waffenstillstand vorsieht. Anders die österreichische Bundesregierung, die sich gegen eine Isolierung des Kremls ausspricht und die Sanktionen gerne schrittweise zurückfahren will.

Gewinner und Verlierer.

Das politische Tauziehen trifft die Wirtschaft auf beiden Seiten. 2016 veröffentlichte das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) eine umfassende Studie zu den Auswirkungen der Russland-Sanktionen. Laut WIFO sind 10,7 % oder ca. 30 Mrd. Euro des EU-Exportrückgangs nach Russland zwischen 2014 und 2016 den Sanktionen zuzuschreiben – gemessen am gesamten EU-Exportrückgang sind das bis zu 40 %. Der Rest ist der schlechten Wirtschaftslage in Russland sowie dem Währungsverfall geschuldet. Österreich sanken die Russland- Exporte sanktionsbedingt um 9,5 %, was ca. 1 Mrd. Euro entspricht. Mittlerweile erholt sich der Außenhandel wieder. Im ersten Halbjahr 2018 stieg Österreichs Außenhandel mit Russland mit plus 1,4 % leicht im Vergleich zum Vorjahr und belief sich auf 2,51 Mrd. Euro. Im Gesamtjahr 2017 stieg der gemeinsame Handel um plus 13,9 % auf 4,95 Mrd. Euro, was eine Trendwende zu 2016 mit minus 2,3 % und 2015 mit minus 20 % einleitete. 2012 lag das Außenhandelsvolumen mit 7,28 Mrd. Euro auf einem Allzeithoch. Der schwache Rubel macht sich allerdings beim Export bemerkbar. Hauptexportprodukte sind weiterhin Maschinen und Anlagen, gefolgt von pharmazeutischen Erzeugnissen und Waren aus Eisen und Stahl. Im ersten Halbjahr 2018 gingen die Exporte allerdings um minus 3,7 % auf 1.053 Mio. Euro zurück. Der russische Markt bleibt trotz der Rückschl.ge der letzten Jahre aufgrund seiner Größe und seines Potenzials weiterhin für österreichische Unternehmen äußerst interessant. Knapp 700 österreichische Firmenniederlassungen sind bereits am russischen Markt vertreten. Fast alle Unternehmen beabsichtigen, laut der Wirtschaftskammer Österreich, am russischen Markt festzuhalten.

Hohe Nachfrage nach Gas.

V. li.: Alexey Miller, Chairman des Gazprom Management Committee und Rainer Seele, Vorstandsvorsitzender der OMV unterzeichneten Anfang Oktober einen Vertragszusatz über Gaslieferungen nach Österreich
V. li.: Alexey Miller, Chairman des Gazprom Management Committee und Rainer Seele,Vorstandsvorsitzender der
OMV unterzeichneten Anfang Oktober einen Vertragszusatz über Gaslieferungen nach Österreich.

Russland bleibt für Österreich ein klassischer Rohstofflieferant: Österreich importiert hauptsächlich mineralische Brennstoffe, also in erster Linie Erdgas und Erdöl, diese machten 2017 circa 83 % der Importe aus. Anfang Oktober haben die OMV und Gazprom einen Vertragszusatz über Gaslieferungen nach Österreich unterzeichnet, gemäß dem die Gaslieferungen nach Österreich um 1 Mrd. Kubikmeter pro Jahr über die vertragliche Menge hinaus und für die gesamte Vertragslaufzeit erhöht wird. „In den vergangenen Jahren erzielte Gazprom neue Exportrekorde nach Österreich. Alleine in den ersten zehn Monaten diesen Jahres sind die Gaslieferungen um ein Drittel im Vergleich zur selben Periode des Vorjahres angestiegen und haben 8,8 Mrd. Kubikmeter erreicht. Die Unterzeichnung eines Dokumentes über zusätzliche Exporte über die vertragliche Menge hinausgehend, dient als Beweis einer hohen Nachfrage für russisches Gas seitens unserer europäischen Kunden“, sagte Alexey Miller, Vorsitzender des Gazprom Vorstands in einer Presseaussendung.

Handelsbarrieren nehmen zu.

Zusätzlich zu den Sanktionen verfolgt die russische Regierung eine Wirtschaftspolitik, die darauf abzielt, Importe durch einheimische Produkte zu ersetzen. Im Juli 2018 hat der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau kurz VDMA eine Kurzumfrage zu nichttarifären Handelshemmnissen im Russlandgeschäft durchgeführt. 45 % der Unternehmen bemerken seit 2015 eine Zunahme von Handelshemmnissen. Für viele Unternehmen wirkt sich die Bevorzugung russischer Hersteller bei öffentlichen Ausschreibungen und bei Ausschreibungen staatlich dominierter Unternehmen als erhebliches Handelshindernis aus. 26,6 % sehen eine generelle Bevorzugung russischer Hersteller bei staatlichen Unternehmen. 19,1 % sehen insbesondere die Gewährung von Preispräferenzen für russische Hersteller bei öffentlichen Ausschreibungen als besonders vordringliche Handelsbarriere an. Staatliche Subventionen, die russischen Kunden beim Kauf einheimischer Produkte gewährt werden, wie z.B. zinsvergünstigte Kredite, kommen vor allem in der Landwirtschaft und seit Januar 2018 auch vermehrt in der Lebensmittelproduktion zum Tragen. 10,6 % der Umfrageteilnehmer nehmen diese Subventionen als Handelshindernis wahr. Die Dauerbrennerthemen Zoll und Zertifizierung werden als große Handelshemmnisse empfunden. Probleme bei der Zollabfertigung werden von mehr als 35 % der Umfrageteilnehmer als Hindernis empfunden und die Zertifizierung von 28,7 % der Umfrageteilnehmer.

Made in Austria.

Auch österreichische Exporteure müssen sich auf aufgrund der Bevorzugung nationaler, russischer Produkte bei öffentlichen Beschaffungen künftig auf ein schwierigeres Marktumfeld einstellen. Dennoch genießen österreichische Produkte – insbesondere aus dem Maschinen- und Anlagen- sowie Pharmabereich – einen hervorragenden Ruf in Russland. Insbesondere mit Blick auf die steigenden schlechten Erfahrungen mit chinesischen Lieferanten schätzen russische Unternehmen die ausgezeichnete Qualität österreichischer Produkte sowie die hohe Servicequalität und das Know-how der österreichischen Geschäftspartner immer stärker. Dies wird es den österreichischen Exporteuren auch künftig ermöglichen, sich am russischen Markt zu positionieren und mit den asiatischen Mitbewerbern erfolgreich zu konkurrieren.

www.vdma.org
www.wko.at
www.omv.at

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