Mobilität am Zug – Selbstfahrende Fahrzeuge bei den SBB-Schweizerischen Bundesbahnen

Was kann die neue Art von Mobilität und warum ist die Schweiz in Bezug auf autonomes Fahren anderen eine Zuglänge voraus?
Was kann die neue Art von Mobilität und warum ist die Schweiz in Bezug auf autonomes Fahren anderen eine Zuglänge voraus?

Während vielen das eigene Auto noch als heilig gilt, arbeitet die SSB-Schweizerische Bundesbahn längst an neuen Mobilitätskonzepten. Karin Tausz, Leitung Selbstfahrende Fahrzeuge, spricht über den Stellenwert der Bahn, über Kooperationen mit Städten und wann sie mit dem Einsatz von autonomen Fahrzeugen rechnet.

IoT Industry4Business: Trotz vielfältiger Angebote der SBB ist die Bahn immer noch nicht attraktiv genug – ohne Auto scheint es nicht zu gehen?
Karin Tausz:
Die Bahn gewinnt weiter an Attraktivität. Die wachsende Bevölkerung bringt auch steigende Mobilitätsbedürfnisse mit sich. Die Stärke der Bahn ist und bleibt es, vor allem viele Menschen in kurzer Zeit von Zentrum zu Zentrum zu bringen. Leider rechnen viele Menschen die Kosten für ihr Privatauto nicht als TCO-Total Cost of Owner Ship, sondern sehen das private Fahrzeug als etwas ohnehin Vorhandenes. Zudem gibt es sicher noch einige ländliche, eher periphere Gebiete, in denen es immer noch ein Auto braucht, um mobil zu sein.

IoT: Sie befassen sich schon länger mit dem Thema autonomes Fahren – warum?
Tausz: Autonome Fahrzeuge sind eine Technologie, die neue Mobilitätsdienstleistungen ermöglichen. Mit ihnen könnten sich einige heutige „Pain Points“ lösen lassen. Wie bei jeder Technologie kommt es immer auf den Einsatz, die Nutzung d.h. in diesem Fall Services an, die damit umgesetzt werden. Einige Probleme könnten – richtig angegangen – damit reduziert werden, wie Stau, Umweltbelastung, mehr Flexibilität für den Kunden etc.

Karin Tausz, Leitung Selbstfahrende Fahrzeuge SBB
Karin Tausz, Leitung Selbstfahrende Fahrzeuge SBB: „Autonomes Fahren könnte der Sharing Economy nach dem Grundsatz „Nutzen statt Besitzen“ einen deutlichen Schub verleihen.“

IoT: Welche Veränderungen erwarten Sie durch Konzepte zum autonomen Fahren im Kontext einer Smart City?
Tausz: Mobilität, Stadtentwicklung und Arealentwicklung hängen eng zusammen. Durch Sharing-Angebote mit autonomen Fahrzeugen – in Kombination mit einem gut ausgebauten öffentlichen Verkehr lassen sich Immobilienflächen viel besser nutzen. In der Schweiz hat die SBB gemeinsam mit dem Kanton Basel-Stadt eine Planungsvereinbarung unterzeichnet, um das Areal Basel Wolf zum „smartesten“ Areal der Schweiz zu entwickeln, quasi als Smart City Laboratory. Mit der Planungsvereinbarung wird das Areal Basel Wolf als Smart City Laboratory (Lab) schrittweise zum Pilotquartier auf- und ausgebaut. Es bietet Raum für Pilotprojekte, anhand derer Erfahrungen gesammelt und Lösungen entwickelt werden. Gemäß der gemeinsamen Zielsetzung „smart arbeiten – urban wohnen“ von SBB und Kanton Basel-Stadt soll sich das Areal Basel Wolf mit einer Nutzungsvielfalt von Wohnen und Arbeiten, einer guten sozialen Durchmischung und Außenräumen mit hoher Aufenthaltsqualität auszeichnen. Bis Ende 2018 konzentriert sich das Smart City Lab Basel Wolf auf Pilotprojekte in den Bereichen Mobilität und Logistik. Ab 2019 werden Pilotprojekte in weiteren Themenbereichen geprüft. Pilotprojekte mit autonomen Fahrzeugen sind daher noch nicht geplant, aber für die Analyse mittel- bis langfristiger Szenarien werden die potenziellen Auswirkungen selbstfahrender Fahrzeuge auf Verkehrsströme sehr wohl schon miteinbezogen.

IoT: Der Mensch will je nach Bedarf ein Verkehrsmittel wählen. Wo sehen Sie dabei das autonome Fahren?
Tausz: Die heute übliche Trennung zwischen Motorisiertem Individualverkehr (MIV) und öffentlichen Verkehr (öV) wird in der Zukunft zunehmend verschwimmen, Carsharing und Ridesharing könnte einen öV-ähnliche Funktion erfüllen, vor allem als Zubringer zu Bus und Bahn im Fernverkehr. Eine Bündelung, auf Strecken und zu Zeiten wo die Nachfrage sehr hoch ist, wird auch in Zukunft sehr wichtig sein, und der öffentliche Verkehr damit das Rückgrat der Mobilität bleiben. Mit den neuen Angeboten wird aber die Flexibilität und Wahlfreiheit des Kunden deutlich erhöht.

IoT: Welche Kooperationsmöglichkeiten gibt es zwischen der SBB und anderen Mobilitätskonzepten?
Tausz: Die Zukunft liegt in der intermodalen bzw. kombinierten Mobilität. Die zwei wichtigsten Element für funktionierende Mobilitätsservices der Zukunft sind: Integration und Kooperation. Die Flexibilität für den Kunden, basierend auf einem sehr breiten, vielfältigen Angebot, wird in Zukunft nicht von einem Anbieter allein bereit gestellt werden, sondern von vielen verschiedenen Anbietern, die sich u.a. auch auf sehr spezifische Zielgruppen und Kundenbedürfnisse fokussieren werden. Das betrifft sowohl das „physische“ wie auch das digitale Angebot, also die Art wie man einen Service buchen und bezahlen kann. Daher ist die Integration ein sehr wichtiger Faktor, ebenso wie die Kooperation zwischen Partnern, von traditionellen Unternehmen bis zum Startup. Die SBB arbeitet schon jetzt eng mit der Branche in der Schweiz zusammen, und geht darüber hinaus gezielt Kooperationen mit Partnern – innerhalb der Schweiz wie auch international – aus anderen Branchen ein, um neue Services zu entwickeln und explorativ zu pilotieren. Als Beispiel kann hier etwa „Green Class Mobilitätskombi“ genannt werden, auch wenn dieses Angebot heute noch ohne autonome Fahrzeuge entwickelt wurde. SBB Green Class ist als Forschungs- und Innovationsprojekt mit zwei Pilotprojekten „SBB Green Class E-Car“ (Februar 2017 bis Februar 2018) und „SBB Green Class E-Bike“ (September 2017 bis September 2018) gestartet. Im Rahmen der Forschungszusammenarbeit mit der ETH Zürich haben die Pilotkunden ihr Mobilitätsverhalten über alle Verkehrsträger untersuchen lassen. Die Forschungsergebnisse der ETH Zürich belegen: Die Kunden haben ein Bedürfnis nach kombinierter, nachhaltiger Mobilität. Und sie verändern ihr Mobilitätsverhalten. So kombinierten die Pilotkunden vermehrt verschiedene Verkehrsmittel: Zug (+11%) und Elektroauto anstelle des Benzin- oder Dieselautos (- 39%). Damit wird der CO2-Fussabruck reduziert und der Stadtverkehr entlastet. Im Schnitt spart der Pilotkunde mit SBB Green Class 1,5 Tonnen CO2 pro Jahr ein, was rund 20 % seiner Gesamtemissionen durch Mobilität entspricht. Auf Basis der Rückmeldungen der Kunden und den Forschungsergebnissen der ETH Zürich entwickelt SBB Green Class nun das Angebot weiter. Mitte April 2018 lancierte die SBB eine neue Mobilitätskombi zusammen mit den Partnern BMW, Alphabet, Alpiq, Swisscharge, Yourmile, Mobility, Publibike und Allianz. Voraussichtlich im Sommer 2018 folgen weitere Angebote mit neuen Elektroautos.

IoT: Wann werden diese Konzepte Realität?
Tausz: Auf bestimmten, vordefinierten Strecken könnten schon in ein paar Jahren mehr und mehr Services mit autonomen Fahrzeugen im Einsatz sein. Es sind jedoch noch einige technische wie auch regulatorische Fragen zu lösen, bevor autonome Fahrzeuge in unseren Städten ganz frei und ohne Sicherheitsfahrer unterwegs und für jedermann/jederfrau nutzbar sein werden. Auch die Kosten sind derzeit noch sehr hoch. Ich schätze dass erst ab 2030 autonome Fahrzeuge beginnen einen signifikanten Einfluss auf das Mobilitätsangebot und -verhalten der Kunden zu haben.

Karin Tausz war Gast beim diesjährigen IoT-Forum in Wien