Fraunhofer Austria Research unterstützt Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung

Industrie 4.0 bedeutet auch, dass sich Berufsbilder ändern, sie müssen nicht unbedingt „wegfallen“.
Industrie 4.0 bedeutet auch, dass sich Berufsbilder ändern, sie müssen nicht unbedingt „wegfallen“.

2008 wurde mit der Fraunhofer Austria Research GmbH in Wien eine Tochtergesellschaft der Fraunhofer Gesellschaft in Europa gegründet. Fraunhofer Austria umfasst dabei zwei
Geschäftsbereiche – den des Produktions- und Logistikmanagements in Kooperation mit der TU Wien und den des Visual Computing in Kooperation mit der TU Graz. Neu dabei seit mehr als einem Jahr ist der Standort in Wattens/Tirol. Dieser soll sich recht bald als eigenständiger Geschäftsbereich etablieren.

In einem Interview mit Prof. Dr. Wilfried Sihn, Geschäftsführer von Fraunhofer Austria Research, sprach der MM Österreich darüber, wie Unternehmen auf dem Digitalisierungsweg Unterstützung bekommen können und weshalb eine Investition in ein gutes Bildungssystem die Basis für die digitale Zukunft sein könnte.

MM: Fraunhofer Austria Research ist seit zehn Jahren in Österreich aktiv. Wie lange sind Sie bereits mit dabei?
Prof. Dr. Sihn: Ich bin einer der dienstältesten Fraunhofer-Mitarbeiter, die es gibt und kann inzwischen mit insgesamt 36 Jahren Mitarbeiterzugehörigkeit aufwarten. Beim Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart war ich 23 Jahre lang vor Ort tätig und seit 2004 bin ich nun in Wien. Von Beginn an war es für mich klar, dass wenn „Wir“ als Fraunhofer Gesellschaft auch hierzulande nachhaltig Fuß fassen wollen, dann ist das nur dann möglich, wenn Fraunhofer sozusagen „österreichisch“ wird.

MM: Warum?
Sihn: Für österreichische Verhältnisse ist die Fraunhofer Gesellschaft generell sehr groß – bezogen auf die Gesamtmitarbeiteranzahl von etwa mehr als 25.000 und einem Forschungsvolumen von etwa 2,3 Milliarden Euro. Um einer möglichen Sorge entgegen zu steuern, dass man sich hier „überrannt“ fühlt, lag es nun mehr auf der Hand eine eigene Fraunhofer Einrichtung in Österreich zu etablieren und somit ist dann 2008 die erste Tochtergesellschaft in der österreichischen Bundeshauptstadt gegründet worden.

MM: Sind Sie ausschließlich für Fraunhofer tätig?
Sihn: Nein. Darüber hinaus bin ich Professor und Leiter des Bereichs Betriebstechnik und Systemplanung am Institut für Managementwissenschaften der TU Wien. Die TU Wien ist Kooperationspartner der Fraunhofer Austria Research GmbH in Wien.

Prof. Dr. Wilfried Sihn, Geschäftsführer von Fraunhofer Austria Research.
„Die meisten KMU sind einfach aus personellen und fachlichen Gründen nicht dazu in der Lage, sich mit dem Thema Digitalisierung im eigenen Betrieb auseinanderzusetzen. Hier ist ein großer Unterstützungsbedarf vorhanden“, meint Prof. Dr. Wilfried Sihn, Geschäftsführer von Fraunhofer Austria Research.

MM: Wie schaut ihr Resümee nach zehn Jahren Fraunhofer in Österreich aus? Sind Sie zufrieden?
Sihn: Eindeutig ja. Wir sind mit unseren beiden Geschäftsbereichen sehr erfolgreich aufgestellt. Den Standort in Graz verantwortet dabei Professor Dr. W. Fellner, der an der TU Darmstadt seinen Lehrstuhl innehat und Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung IGD ist. Der Standort in Graz ist dabei ein Ableger vom Fraunhofer Institut, den er als Geschäftsführer verantwortet. Ich bin jedoch als operativer Geschäftsführer hier in Österreich vor Ort und für die Standorte in Wien und Wattens verantwortlich.

MM: Sie erwähnten eben gerade den Tiroler Standort, der im Herbst vergangenen Jahres sein 1-jähriges Jubiläum feierte. Wie kam es zur Standortentscheidung?
Sihn: Fraunhofer Austria arbeitet bereits seit vielen Jahren mit führenden Unternehmen aus Tirol sehr erfolgreich zusammen, darunter auch die Swarovski Gruppe und Handl Tyrol. Und in diesem Zusammenhang kam dann Markus Langes-Swarovski als Mitglied des Swarovski Executive Boards ins Spiel. In der Gründungshalle des Unternehmens, das vom Urgroßvater Daniel Swarovski vor über 100 Jahren gegründet wurde, hat Markus Langes-Swarovski inzwischen ein Hightech-Zentrum aufgebaut, um auch für den Standort Tirol etwas Nachhaltiges zu schaffen. Und aus einem Netzwerk heraus entstand dann der Kontakt zu mir bzw. zum Fraunhofer Research Austria sowie die Idee, aufgrund dieser Basis auch im Forschungsbereich aktiver zu werden. Die Innovationskraft vor Ort kann somit noch mehr gesteigert werden.

MM: Netzwerken spielt demnach in Ihrer Funktion eine entscheidende Rolle?
Sihn: Wir als Fraunhofer Austria Research betreiben sehr wirtschaftsnah und eben auch erfolgreich Forschungsprojekte. Durch das Netzwerken schaffen wir natürlich auch immer wieder einen neuen Ideenpool, aus dem heraus wieder neue Projekte entstehen können. Momentan haben wir folgende Situation: Der Anteil an Aufträgen, den wir als Fraunhofer Austria aus dem Bereich Industrie erhalten, beträgt etwa 60 % – das ist etwas zu hoch. Konkret bedeutet das, dass unsere Gelder aus Aufträgen stammen, die nichts mit öffentlichen Forschungsgeldern zu tun haben. Allerdings brauchen wir als Forschungseinrichtung natürlich auch Spielraum, um Forschung zu betreiben, um im Nachgang dann für Unternehmen wiederum innovative Lösungen zu bieten. Was das Netzwerken anbelangt, ist ein gut ausgebautes Netzwerk nur dann sinnvoll, wenn es auch genutzt wird und diesen Vorteil habe ich, dass ich durch meine langjährige Tätigkeit sowohl in Österreich als auch außerhalb Österreichs sehr viele Kontakte habe.

MM: Wie zufrieden sind Sie mit der politischen Unterstützung
in puncto Forschung und Entwicklung in Österreich?
Sihn: Verglichen mit anderen Ländern außerhalb Österreichs – sprich international betrachtet – liegen wir hierzulande mit den Forschungs-Fördergeldern generell auf einem guten Niveau und können uns sicher nicht beklagen. Ob die Aufteilung immer optimal ist, kann ich nicht sagen. Aber es gibt sicherlich Verbesserungspotenzial.

MM: Nun beschäftigen uns seit geraumer Zeit die Begriffe Industrie 4.0 und Digitalisierung. Haben wir hierbei in Österreich die Nase vorn?
Sihn: Nehmen Sie als Beispiel die Entstehung des Begriffs Industrie 4.0. Als dieser noch sehr wenig in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wurde, hatte ich bereits die Idee und das Gefühl, dass wir hierzu mit der TU Wien gemeinsam alle Trümpfe in der Hand haben und aktiv werden müssen. Das war 2013. Denn gerade in einem von KMU geprägten Land müssen sie zumindest eine Plattform etablieren, die sich mit diesem Zukunftsthema auseinandersetzt und aktiv wird. Davon bin ich überzeugt. Mittlerweile haben alle verstanden, dass Industrie 4.0 und alles, was unter diesem Begriff zu verstehen ist, jeden (be-)trifft. Die Unternehmen müssen nun aktiv werden! Es stellt sich jedoch für viele natürlich die Frage, was möchte ich und  was kann ich als Unternehmer machen, um von Industrie 4.0 zu profitieren? Den wirklichen Mehrwert muss jeder für sein Unternehmen selber eruieren. Und auf Fragen, die ich oft gestellt bekomme, ob man mit Industrie 4.0 nun auch Investitionsmittel bekommt, antworte ich grundsätzlich erst einmal, nein. Denn zunächst einmal konkurriere ich ja in meinen eigenen Unternehmen mit „normalen“ Investitionsanträgen. Es stellt sich daher eher die Frage, womit beginne ich intern in Bezug auf eine digitale Verbesserung? Was sind die ersten sinnvollen Schritte für mich bzw. meinen Betrieb mich in Richtung Industrie 4.0 zu bewegen?

MM: Wie sind Ihrer Einschätzung nach die heimischen Betriebe nun hinsichtlich Industrie 4.0 aufgestellt?
Sihn: Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten, denn dafür ist die Bandbreite an unterschiedlichen Erfahrungen mit den Unternehmen viel zu groß. Es gibt Betriebe, die inzwischen sehr gut auf dem Weg der Digitalisierung aufgestellt sind, gefolgt von denen, die beginnen, sich intern umzustrukturieren und auch diejenigen, die einfach nicht den Mehrwert erkennen. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass die Unternehmensgröße eine sehr wichtige Rolle bei diesen Fragen spielt. Die meisten KMU sind einfach aus personellen und fachlichen Gründen nicht dazu in der Lage, sich mit dem Thema Digitalisierung im eigenen Betrieb auseinanderzusetzen. Hier ist ein großer Unterstützungsbedarf vorhanden.

MM: Dienen Messen wie die HMI, Smart Automation, C4I, Intertool etc. als Informationspool, um sich mit Industrie 4.0 und der Umsetzung im eigenen Betrieb auseinanderzusetzen und sich innovative Ideen-Ansätze zu holen bzw. was halten Sie persönlich von diesen Veranstaltungen?
Sihn: Nehmen wir das Beispiel der kürzlich in Wien stattgefundenen drei Industriemessen Smart Automation, Intertool und C4I: Auf der einen Seite war ich sehr überrascht ob der vielen Aussteller auf den drei Messen in Wien und des sehr hohen Engagements, das von Seiten der Unternehmen zu spüren war. Auf der anderen Seite war es eine Enttäuschung festzustellen, dass zu wenig Besucher nach
Wien kamen, um sich über die Innovationen zu informieren. Hier ist noch viel ungenütztes Potenzial vorhanden, das es unbedingt auszuschöpfen gilt. Man kann nicht zufrieden sein, wenn man gesehen hat, wie wenig Besucher nach Wien kamen. Messen im Ausland, wie eben die HMI oder AMB und viele weitere schaffen es auch, die Besucher anzulocken. Es stimmt zwar, dass Deutschland größer ist und entsprechend auch die Messen größer ausfallen, aber in Linz auf der Smart Automation ist das Ergebnis auch ein besseres.

MM: Sie haben es gerade erwähnt, die Parallelveranstaltung der Smart in Linz ist sehr erfolgreich. Liegt es vielleicht am Standort?
Sihn:
Ich denke nicht, dass es sich hierbei unbedingt nur um eine Standortfrage handelt. Es ist richtig, dass in Linz etwa der Erfolg der Smart Automation ein anderer ist, auch da in Oberösterreich viele Unternehmen ihren Produktionsstandort haben. Aber schauen Sie auf andere Veranstaltungen, wie etwa das Technologieforum der DHK oder unsere eigenen Kaminabende – dann sind hier durchaus auch viele Unternehmen mit dabei, die nach Wien kommen, um an den Events teilzunehmen. Wenn man ein spezifisches Thema behandelt und ein gutes Netzwerk hat, dann lassen sich durchaus erfolgreiche Veranstaltungen in Wien durchführen. Der Erfolg einer Veranstaltung entscheidet sich nicht ausschließlich an der Standortfrage.

MM: Sind Sie dennoch zufrieden was die Fortschritte von Industrie 4.0 in den heimischen Betrieben anbelangt?
Sihn: Lassen Sie es mich anders formulieren. Ich bin froh darüber, dass viele Unternehmen über das Thema Industrie 4.0 inzwischen aktiv nachdenken. Aber zufrieden bin ich noch lange nicht, denn hierzu müsste man bereits viel weiter inder Praxis vorangeschritten sein. Im Vergleich zu vielen anderen KMU, auch international gesehen, spielt Österreich noch lange nicht in der ersten Liga mit.

Industrie 4.0 bedeutet auch, dass sich Berufsbilder ändern, sie müssen nicht unbedingt „wegfallen“.
Industrie 4.0 bedeutet auch, dass sich Berufsbilder ändern, sie müssen nicht unbedingt „wegfallen“.

MM: Welche Rolle spielt die Qualifizierung der Mitarbeiter?
Sicherlich eine nicht unerhebliche?
Sihn: Das ist richtig. Nach wie vor haben wir in Österreich ein Bildungssystem, dass reformbedürftig ist. Vergleichen Sie einmal die Unterrichtsform in den Schulen von vor 30 Jahren mit der heutigen – es hat sich zu wenig geändert. Und gerade, wenn wir von Digitalisierung sprechen, sollte man doch auch im Bildungssystem und hierbei eben auch in den Schulen die Nase vorn haben und in neue Lernmethoden und modernes Equipment investieren. Die Problematik hierbei ist vielschichtig und es mangelt sicher nicht ausschließlich am fehlenden Geld. Allein die hohe Zahl an jährlichen Schulabbrechern in Österreich ist ein Zeichen für ein Defizit. Denn diese werden später einmal in Berufen sein, die in baldiger Zukunft durch digitalisierte Arbeitsplätze wegfallen könnten. Ich bin kein Freund davon pauschal festzuhalten, welche Berufe es künftig nicht mehr geben wird, aber das Berufsbild wird sich überall ändern und hier müssen wir uns entsprechend auch anpassen.

MM: Mangelt es Ihrer Meinung nach denn auch an der Ausbildung der Lehrkräfte?
Sihn: Da bin ich mir sicher, dass auch hier eine Ausbildungsverbesserung stattfinden könnte. Vergleichen Sie doch einmal die skandinavischen Länder und deren Bildungssystem mit dem unsrigen, hier liegen Welten dazwischen und die hiesige Politik muss sich dessen bewusstwerden, dass sich Grundlegendes ändern muss.

MM: Und wie geht es weiter?
Sihn: Es geht nicht darum, etwas zu kopieren, was wir gerne sein würden. Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren. Und sofern wir hier in Österreich erkennen, wo unsere Stärken liegen, etwa im Maschinenbau und all seinen Facetten,sind wir auf dem richtigen Weg in puncto Industrie 4.0. Dieser Weg wird meiner Ansicht nach zwar noch ein längerer sein, aber es ist möglich hier erfolgreich zu sein und die österreichischen Unternehmen müssen sich keinesfalls vor anderen, wie etwa den deutschen, „verstecken“.

MM: Inwiefern unterstützen Sie als Fraunhofer Research Austria nun österreichische Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung?
Sihn: Wir haben vor einiger Zeit ein so genanntes Industrie 4.0-Reifegradmodell entwickelt, das insgesamt neun Themenbereiche abdeckt. Hier werden unter anderem Fragen geklärt, wie: „Welches Technologiepotenzial weist Industrie 4.0 für das eigene Unternehmen auf?“ „Sind neue Geschäftsmodelle im Rahmen der Industrie 4.0 sinnvoll?“ „Welche Schritte müssen im Kontext der Industrie zuerst gegangen werden und welche Schritte bringen den größten Nutzen?“ Um diese Fragen individuell für Unternehmen zu beantworten und somit den Weg in die Industrie 4.0 zu bereiten, kann anhand dieses Reifegradmodells eine Bewertung stattfinden die schlussendlich das zu bewertende Unternehmen hinsichtlich des derzeitigen Ist-Standes einschätzt. Als Ergebnis gibt es konkrete Projektempfehlungen, in einem kleinen Rahmen gehalten, anhand derer die Unternehmen dann diese ersten Schritte angehen können. Und dieses Reifegradmodell ist seit etwa 1,5 Jahren am Markt und dabei sehr erfolgreich.

MM: Sie sagen, dass dieses Reifegradmodell sehr gut angenommen wird. Das bedeutet gleichzeitig, dass sich die Unternehmen auf einem guten Weg befinden und Ihre Arbeit Früchte tragen wird?
Sihn: Das Modell ist sehr erfolgreich. Kürzlich haben wir z.B. vom VDI aus Deutschland eine Anfrage erhalten, was es mit diesem Modell auf sich hat. Das bedeutet, auch im Ausland schaut man auf unsere Arbeit und holt sich Empfehlungen ein, das macht uns natürlich stolz. Dennoch werde ich auch immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob es denn etwa „ein Unternehmen gäbe, das Industrie 4.0 hat“ – aber das gibt es eben nicht. Es gibt technologische Anwendungen, die in ihrer Praxis einen Fortschritt für das Unternehmen bedeuten. Auf dem Weg in die Digitalisierung können auch neue Geschäftsmodelle erschlossen werden. Und: die Technologien entwickeln sich stetig weiter. Wie man diese dann entsprechend nutzt, das ist die Frage, die ich mir als Unternehmer stellen muss. Und dann sehe ich auch, inwiefern ich mich in Richtung Industrie 4.0 weiterentwickle und das Ergebnis Früchte trägt.