IoT: InnovaTion or IdioT?

Jean-Philipp Hagmann – Er ist Innovationsexperte, Keynote Speaker, Dozent und INNOPUNK. Am 16. Mai 2018 gastiert er beim IoT Forum 2018, das Seite an Seite mit dem Messetrio SMART/Intertool/C4I stattfindet. Veranstalter Succus hat den schweizerisch-brasilianischen Innovator mit Background als Maschinenbau-Ingenieur und Industriedesigner eingeladen, einen Vortrag zu halten. Die Headline: „IoT: InnovaTion or IdioT? IoT is a powerful tool – but not the solution.“ Wir haben im Vorfeld mit Herrn Hagmann gesprochen – über radikale Innovationen und sein neues Buch.

IoT: Was verstehen Sie als INNOPUNK unter einer radikalen Innovation?

J.P. Hagmann: Eine Innovation gilt dann als radikal, wenn sie ein bekanntes oder neues (Kunden-)Problem auf eine neue, bisher noch unbekannte Art und Weise löst. Was in den allermeisten Fällen in unseren Unternehmen als Innovation verbucht wird, sind Verbesserungen bestehender Lösungen, ohne diese aber grundlegend in Frage zu stellen. Hier handelt es sich um sogenannte inkrementelle Innovationen.

IoT: Wie kann man sich das vorstellen?

Hagmann: Ich brauche hierzu gerne folgenden Vergleich: Stellen Sie sich vor, Sie dürfen eine bereits möblierte Wohnung übernehmen. Der inkrementelle Ansatz wäre es, einige Möbel umzuplatzieren, ein paar wenige zu entsorgen und durch zwei oder drei neue Stücke zu ersetzen. Der radikale Ansatz hingegen würde bedeuten, erstmals alle Zimmer ganz leer zu räumen und sich dann zu fragen, welche Wünsche und Bedürfnisse habe ich und mit welcher Einrichtung kann ich diese perfekt befriedigen. Mit dem Begriff „radikal“, welches aus dem spätlateinischen Wort „radix“ für Wurzel stammt, wird in diesem Zusammenhang also eine von Grund auf neue Lösung beschrieben. Für ein Unternehmen gehört das regelmässige Hervorbringen von inkrementellen Innovationen zu deren Hausaufgaben. Aber in der heutigen Zeit der Digitalisierung genügen diese inkrementellen Innovationen alleine nicht mehr. Unsere Unternehmen müssen lernen, radikal innovativ zu werden.

IoT: Sind manche Unternehmen dabei zu halbherzig?

Ja. Allerdings liegt dies häufig nicht daran, dass diese Unternehmen diesem Thema keine Priorität schenken. Jedes Unternehmen weiss, dass es die Innovationen sind, die ihnen die Zukunft sichern. Nur setzen die Meisten unabsichtlich auf Innovationsmassnahmen, die nichts nützen – und spielen somit bloss Innovationstheater.

IoT: Was braucht es für die Entstehung radikaler Innovationen?

Es braucht mehr als Ideensammelstellen, kreative Räume mit mobilen Wänden, Methodenworkshops für alle Mitarbeiter oder ein Startup-Scouting. Es braucht zuallererst ein vertieftes Verständnis darüber, wie komplex die Thematik ist. Dann braucht es eine ehrliche Motivation, diesen langen und beschwerlichen Weg zu gehen. Die vier Bereiche, in denen sich sehr viele Unternehmen noch stark verbessern müssen, um radikal innovativ zu werden, sind: 1. Kultur und Mindset. 2. Die Trennung von Innovation und Tagesgeschäft. 3. Das Verständnis für die sich ändernden Regeln im Verlauf des Innovationsprozesses und 4. Klare Rollen und Aufgaben aller Innovationsbeteiligten.

IoT: Wenn Sie jemand fragt: „Wo (in welchem Bereich) soll ich anfangen?“, was antworten Sie?

Möchte ein Unternehmen damit anfangen, radikal innovativ zu werden, so steht und fällt dieses Vorhaben mit dem Rückhalt in der Geschäftsleitung. Nur da, wo die Geschäftsleitung fast schon bedingungslos hinter diesem Vorhaben steht, im vollen Bewusstsein, dass es viel Zeit, Bauchschmerzen und Wiederstände mit sich bringen wird, haben radikal innovative Konzepte eine Chance, wirklich umgesetzt zu werden. Somit muss es zum einen beim Mindset in der Geschäftsleitung beginnen – einem Mindset, der eine innovationsfördernde Kultur möglich macht. Und zum anderen bei einem tiefen Verständnis für die Eigenheiten des Innovierens.

IoT: Ihr soeben erschienenes Buch „Hört auf, Innovationstheater zu spielen!“ befasst sich mit „Innovation in etablierten Unternehmen“. Haben es Startups hier einfacher?

In der Regel werden bei solchen Gegenüberstellungen etablierte Unternehmen mit erfolgreichen Startups verglichen und man vergisst, dass die allermeisten Startups nur eine kurze Zeit überleben. Dennoch ist meine Antwort auf diese Frage ein knappes Ja. Knapp deshalb, weil etablierte Unternehmen eigentlich über die besseren Voraussetzungen verfügen würden: mehr finanzielle Mittel, bestehende Kundenbeziehungen, Glaubwürdigkeit und Bekanntheit sowie viele schlaue Köpfe. Etablierte Unternehmen haben allerdings den Nachteil, dass sie bereits ein gutes Produkt oder eine gute Dienstleistung anbieten und somit mit dem logischen und sinnvollen Streben nach mehr Effizienz beschäftigt sind.


Hört auf, Innovationstheater zu spielen!
von Jean-Philippe Hagmann
Wie etablierte Unternehmen wirklich radikal innovativ werden
erschienen 2018 | 317 Seiten | SoftcoverISBN 978-3-8006-5630-1

IoT: Und warum ist dieses Streben nach Effizienz ein Nachteil?

Hagmann: Effizienter werden Organisationen dann, wenn sie Erfahrungen sammeln, immer gleiche Abläufe perfektionieren und Vorgänge standardisieren können. Dies wiederspricht allerdings der Denkhaltung, die man einnehmen muss, um alles infrage zu stellen und völlig neue Wege zu suchen. Startups haben diese eine gute Lösung noch nicht gefunden, oder sind zumindest noch nicht daran, diese zu perfektionieren. Und dies – gekoppelt mit kurzen Entscheidungswegen und einer starken intrinsischen Motivation – führt dazu, dass die Leute in den Startups in grösseren Möglichkeitsräumen denken müssen.

Das Gemeine ist jedoch, dass Startups, die Erfolg haben und wachsen, schon sehr bald vor den genau gleichen Schwierigkeiten stehen, radikal innovativ zu bleiben, wie die Unternehmen, welche schon Jahrzehnte Bestand haben.

IoT: „IoT: InnovaTion or IdioT?“ Was entscheidet, ob IoT ein Unternehmen voranbringt?

Hagmann: Entscheidend ist, dass IoT für das Unternehmen nicht das Bild ist, welches es an die Wand hängt, sondern bloss die Aufhängung für ein Bild, welches es zuerst zu finden gilt. Oder anders ausgedrückt: Für ein Unternehmen sollte der Startpunkt für eine Innovation stets die Frage nach den Kundenbedürfnissen sein und nicht nach der Technologie. Also problemorientiert und nicht schon lösungsorientiert vorzugehen. IoT ist eine immens mächtige Technologie, aber in einem Innovationskonzept ist sie immer nur Mittel zum Zweck. Und ein Unternehmen, welches radikal innovativ sein möchte, macht sich gut daran, sich zuerst lange mit dem Zweck (Welches Bedürfnis oder Problem möchten wir unseren Kunden lösen?) zu beschäftigen, bevor es sich Gedanken über die Mittel macht. Natürlich gehört es dazu, dass sich innovative Unternehmen eingehend mit der Thematik des Internet der Dinge beschäftigt. Aber immer nur als potenzielles Werkzeug und nie als Ziel ihrer Innovation.